Die Nachricht des Starts der Artemis II Mission verbreitete sich nicht über Funk, sondern über Licht. Und über ein leicht vibrierendes Gefühl in den Blattadern, das immer dann auftrat, wenn Menschen wieder einmal versuchten, die Grenzen ihres eigenen Standorts zu überwinden.
„Artemis II“, murmelt der Kürbis, „se wolln wieder zu de Mond.“
Die Hoya zog ihre Blätter minimal ins bessere Licht.
„Ich verstehe das vollkommen“, sagte sie mit kultivierter Selbstgewissheit.
„Man möchte gesehen werden. Größer. Weiter. Im besten Licht. Das ist im Grunde nichts anderes als eine gut kuratierte Fensterbank – nur mit höherem Budget.“
Die Mispel ließ sich davon nicht beeindrucken.
„Dit is keen Fensterbank, Schätzchen“, knarzte sie.
„Dit is Weltall. Da wächst nüscht. Nich ma’ mit Filter.“
Der Bonsai räusperte sich innerlich.
„Ein höchst problematischer Ansatz“, sagte er streng.
„Wachstum ohne Begrenzung führt selten zu innerer Ordnung. Wer den eigenen Standort verlässt, ohne ihn verstanden zu haben, riskiert strukturelle Verwahrlosung.“
Vom Fenster aus grinste der Kürbis breit.
„Oder man wächst einfach mal drüber hinaus“, sagte er.
„Isch mein – warum immer Topfgröße denken? Die ham halt jetzt ’ne größere Parzelle im Blick.“
Nebenbei meldete sich der Kaktus, ohne sichtbar beteiligt zu sein.
„Space, huh“, sagte er trocken.
„Klingt wie mein Wohnzimmer. Trocken, lebensfeindlich und keiner kümmert sich wirklich.“
Der Basilikum reagierte sofort.
„Das ist doch vollkommen unverantwortlich!“, rief er.
„Temperaturschwankungen! Strahlung! Null Luftfeuchtigkeit! Wer hat denn bitte den Pflegeplan gemacht?!“
„NASA“, sagte der Kaktus.
„Nicht deine Fensterbank.“
Die Monstera sagte lange nichts. Dann, mit dieser leichten Müdigkeit ehemaliger Größe:
„Es ist immer dasselbe“, sagte sie ruhig.
„Erst wollen sie nur hinaus. Dann merken sie, dass sie sich selbst mitgenommen haben.“
Aus dem Hintergrund meldete sich die Schlauchpflanze.
„Man könnte argumentieren“, sagte sie trocken, „dass es sich um den Versuch handelt, existenzielle Fragen räumlich zu verlagern.“
Die Pilea nickte.
„Und sie dann mit beeindruckender Technik zu umkreisen, ohne sie zu lösen.“
Ganz am Rand stand der Drachebaum.
Er hatte lange geschwiegen. Dann sagte er:
„Ik ben de Dracheboom.“
Kurze Pause.
„Un ihr fliegt trotzdem nich vor euch selbst weg.“
Und irgendwo dazwischen, zwischen Aufbruch und Umlaufbahn, zwischen Ehrgeiz und Leere, hing wieder diese alte Frage – diesmal nicht zwischen Fenster und Hochbeet, sondern zwischen Erde und Mond:
Ob es wirklich ein Fortschritt ist, weiter zu kommen oder nur eine elegantere Art, sich zu entfernen.
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